Nachdem man die letzte der elfhundert Seiten umgeschlagen und das Buch aus der Hand gelegt hat, überfällt einem ein seltsames Gefühl. Bezeichnet man dieses als Leere, so ist es sicher etwas übertrieben, immerhin handelt es sich nur um einen Papierstapel. Dennoch geht dieser, für den Moment letzten Berührung mit Stephen Kings Meisterwerk eine in der Regel tagelange Beschäftigung mit dem Städtchen Derry, seinen interessanten Einwohnern und seiner geheimnisvollen Geschichte voraus. In dieser Geschichte geht es um mehr als nur um Horror. Es geht um Freundschaft, Zusammenhalt und Mut.
Die bis ins Detail charakterisierten Protagonisten mit ihren Ecken und Kanten bieten wahrlich jedem Leser die Möglichkeit der Identifikation. Da wären der stotternde Bill, dessen Bruder ermordet wurde und der seither von seinem Eltern vernachlässig wird, sowie der dicke und strebsame Ben. Eddie ist Asthmatiker, Beverly lebt in Armut – er wird von seiner Übermutter erdrückt, sie von ihrem Vater geschlagen. Die Brillenschlange Richie hat eine große Klappe, die ihm oft zum Verhängnis wird. Stan ist Jude, Mike ist schwarz – beide leiden unter Vorurteilen aufgrund von Religion und Hautfarbe.
Die sieben Außenseiter schließen sich in jungen Jahren zum “Club der Verlierer” zusammen und nehmen gemeinsam den Kampf gegen den Alltag, die Straßengang um Henry Bowers und schließlich gegen “Es” auf. Sie wachsen zusammen, erkennen ihr Potential als mächtige Einheit und sind somit in der Lage, sich gegen einen Kontrahenten zu stellen, der einem Einzelnen den Verstand rauben würde und dessen bevorzugte Beute sie als Kinder nun einmal sind. Und in genau diesem Club findet sich der Leser als achtes Mitglied wieder – spätestens, wenn nach 27 Jahre alle erneut aufeinandertreffen, um das, was etwa jedes viertel Jahrhundert über Derry herzieht, endgültig zu bekämpfen.
Es haust unter der Stelle, an der später die Stadt erbaut wurde. Es ist immer hier gewesen, seit Anbeginn der Zeiten. Noch bevor es überhaupt irgendwo Menschen gab, es sei denn, dass vielleicht in Afrika ein paar auf den Bäumen herumturnten. Der Krater ist jetzt verschwunden, aber das Tal, das Es durch seinen Aufprall bildete, ist immer noch da – Derry ist an seinen Abhängen erbaut.
Stephen Kings Werk aus dem Jahr 1986 ist kein Lesen-und-Vergessen-Buch, sondern bleibt vermutlich lange in Erinnerung. Sehr empfehlenswert!
Bewertung: 5 von 5 Sternchen · “Es”, orig. “It” von Stephen King · Gelesen im Februar 2009 · Lesezeit: fünf Wochen · Quelle: gebraucht vom schwarzen Brett gekauft