350 Seiten – und zwar ohne Kapitel und Absätze – umfasst der Monolog der Haushälterin Dolores Claiborne. Ein interessanter Stil des Buches und eine ebenso interessante Geschichte die sie da auf ihre derbe aber sympathische Art zu erzählen hat. In fünfundsechzig Jahren hat sich da einiges angesammelt, was es sich von der Seele zu reden gilt.

Alles, was ich tat, habe ich aus Liebe getan – aus der Liebe die eine Mutter für ihre Kinder empfindet. Das ist die mächtigste Liebe, die es auf der Welt gibt, und zugleich ist es die tödlichste. Es gibt kein schlimmeres Luder als eine Mutter, die Angst um ihre Kinder hat.

Mit dieser Charakterstudie hat Stephen King einmal mehr unter Beweis gestellt, dass er auf klassische Horrorelemente sehr wohl verzichten kann und dennoch ein guter Roman dabei herauskommt.

Bewertung: 4 von 5 Sternchen · “Dolores”, orig. “Dolores Claiborne” von Stephen King · Gelesen im April 2009 · Lesezeit: eine Woche · Quelle: geliehen von Iris

Nachdem man die letzte der elfhundert Seiten umgeschlagen und das Buch aus der Hand gelegt hat, überfällt einem ein seltsames Gefühl. Bezeichnet man dieses als Leere, so ist es sicher etwas übertrieben, immerhin handelt es sich nur um einen Papierstapel. Dennoch geht dieser, für den Moment letzten Berührung mit Stephen Kings Meisterwerk eine in der Regel tagelange Beschäftigung mit dem Städtchen Derry, seinen interessanten Einwohnern und seiner geheimnisvollen Geschichte voraus. In dieser Geschichte geht es um mehr als nur um Horror. Es geht um Freundschaft, Zusammenhalt und Mut.

Die bis ins Detail charakterisierten Protagonisten mit ihren Ecken und Kanten bieten wahrlich jedem Leser die Möglichkeit der Identifikation. Da wären der stotternde Bill, dessen Bruder ermordet wurde und der seither von seinem Eltern vernachlässig wird, sowie der dicke und strebsame Ben. Eddie ist Asthmatiker, Beverly lebt in Armut – er wird von seiner Übermutter erdrückt, sie von ihrem Vater geschlagen. Die Brillenschlange Richie hat eine große Klappe, die ihm oft zum Verhängnis wird. Stan ist Jude, Mike ist schwarz – beide leiden unter Vorurteilen aufgrund von Religion und Hautfarbe.

Die sieben Außenseiter schließen sich in jungen Jahren zum “Club der Verlierer” zusammen und nehmen gemeinsam den Kampf gegen den Alltag, die Straßengang um Henry Bowers und schließlich gegen “Es” auf. Sie wachsen zusammen, erkennen ihr Potential als mächtige Einheit und sind somit in der Lage, sich gegen einen Kontrahenten zu stellen, der einem Einzelnen den Verstand rauben würde und dessen bevorzugte Beute sie als Kinder nun einmal sind. Und in genau diesem Club findet sich der Leser als achtes Mitglied wieder – spätestens, wenn nach 27 Jahre alle erneut aufeinandertreffen, um das, was etwa jedes viertel Jahrhundert über Derry herzieht, endgültig zu bekämpfen.

Es haust unter der Stelle, an der später die Stadt erbaut wurde. Es ist immer hier gewesen, seit Anbeginn der Zeiten. Noch bevor es überhaupt irgendwo Menschen gab, es sei denn, dass vielleicht in Afrika ein paar auf den Bäumen herumturnten. Der Krater ist jetzt verschwunden, aber das Tal, das Es durch seinen Aufprall bildete, ist immer noch da – Derry ist an seinen Abhängen erbaut.

Stephen Kings Werk aus dem Jahr 1986 ist kein Lesen-und-Vergessen-Buch, sondern bleibt vermutlich lange in Erinnerung. Sehr empfehlenswert!

Bewertung: 5 von 5 Sternchen · “Es”, orig. “It” von Stephen King · Gelesen im Februar 2009 · Lesezeit: fünf Wochen · Quelle: gebraucht vom schwarzen Brett gekauft

Kurzgeschichten-Bände haben einen besonderen Reiz. So sind die einzelnen Erzählungen abgeschlossen, experimentell und meist in einer Straßenbahnfahrt zu lesen. Auch der ansonsten eher für ausschweifende Erzählungen und seinen hohen Holzverbrauch bekannte King muss bei Kurzgeschichten auf den Punkt kommen. Allerdings heftet solchen Büchern oft auch der Ruf an, schnell und lieblos zusammengeschustert zu sein und das letzte aus den Werken bekannter Autoren heraussaugen zu wollen, wenn die einzelnen Geschichten nicht wirklich neu, sondern bereits anderswo erschienen sind.

Du siehst nicht mal, was du direkt vor Augen hast, hatte sie gesagt, aber manchmal sah er es doch.

Gehört man aber nicht gerade zu den Abonnenten amerikanischer Blätter wie Playboy oder Esquire, so hat man mit Sunset Neues vor sich und ist gut unterhalten – jedoch wenig gegruselt. Die Mischung der Themen und Stile ist gut gelungen, was nicht zuletzt an den unterschiedlichen Epochen liegt: Während “Die Höllenkatze” bereits aus dem Jahr 1977 ist, sind andere Geschichten erst ein, zwei Jahre alt. Einflüsse rund um die Geschehnisse des 11. Septembers 2001 werden an mehreren Stellen deutlich.
Entgegen vieler anderer Meinungen finde ich “N.” übrigens nicht so wahnsinnig klasse, sondern war vom “Pfefferkuchen-Mädchen” mehr angetan.
Im Anhang finden sich ein paar Seiten mit interessanten Anmerkungen von King.

Bewertung: 3 von 5 Sternchen · “Sunset”, orig. “Just After Sunset” von Stephen King · Gelesen im Januar 2009 · Lesezeit: zwei Wochen · Quelle: Weihnachtsmann

Der Buick ist nicht von dieser Welt. Unschuldig und schön steht er in einem alten Schuppen nahe eines Polizeireviers – doch in unregelmäßigen Abständen zeigt er, was in ihm steckt. Genauso verhält es sich mit diesem Buch. Lange Strecken mit toller Erzählung wechseln sich mit kurzen, aktiongeladenen Sequenzen ab.

Eigentlich sind die Worte des erfahrenden Sergeant an den jungen Trooper Ned gerichtet. Doch die Berichte über die Eigenarten des Fahrzeuges zogen mich stellenweise so in den Bann, dass ich mich selber auf der Raucherbank hinter der Wache sitzen und mit den Kollegen plaudern sah. Nach und nach erzählen alle aus ihrer ganz eigenen Sicht von den Merkwürdigkeiten, die einen großen Stellenwert in ihrem Leben eingenommen haben.

Er stand da auf seinen breiten, luxuriösen Weißwandreifen, und drinnen war ein Armaturenbrett voller nicht zu bedienender Armaturenimitate und ein Steuer, das fast groß genug war für ein Kaperschiff. Da drinnen war etwas, das ihren Kasernenhund vor panischer Angst heulen ließ und ihn gleichzeitig unwiderstehlich anzog.

Auch mit dem Buick hat Stephen King eines seiner ruhigeren, aber keineswegs schlechteren Bücher veröffentlich. Horror sucht man vergeblich, Paranormalität und vor allem erstklassiges Schreiberhandwerk sind hingegen seitenweise vorhanden.

Bewertung: 3 von 5 Sternchen · “Der Buick”, orig. “From a Buick 8″ von Stephen King · Gelesen im November 2008 · Lesezeit: zwei Wochen · Quelle: geliehen von Vatern

Er plant den größten Coup seines Lebens: Die Entführung des Babys einer vermögenden Familie soll dem geistig zurückgebliebenen Blaze ein zumindest materiell unbeschwertes Leben ermöglichen und ihm erstmalig eine Gelegenheit bieten, seiner ansonsten chancenlosen Welt zu entkommen.

Durch zahlreiche Rückblicke in die nicht beneidenswerte Kindheit und Jugend des Protagonisten, wird der Leser hier Stück für Stück zum Sympathisanten einer fasziniert charakterisierten, bereits in jungen Jahren schuldfrei gescheiterten Existenz.

Mit Qual hat Stephen King einen ursprünglich 1973 unter dem Pseudonym Richard Bachman geschriebenen Roman der leisen Töne aus der Schublade gezogen, indem er ausnahmsweise gänzlich auf die klassischen Horror- und paranormalen Schock-Elemente verzichtet und sich hierdurch ganz andere Leser-Kreise zu erschließen vermag. Möglicherweise führt das zu Frust und Unbehagen bei dem einen oder anderen Hardcore-Fan, aber – etwas Flexibilität vorausgesetzt – sollte auch dieser sich den Lesespaß nicht entgehen lassen und sich stattdessen am Facettenreichtum seines Lieblingsautors erfreuen. Als Bachmann erschienende Kings sind andere, keinesfalls aber schlechtere Kings.

“Ich bin verrückt, dass ich auch nur versuche, das durchzuziehen”, dachte Blaze. “Ein Doofkopp wie ich.”

Die gut dreihundert spannenden Seiten lesen sich quasi von selbst, denn trotz der einfachen Handlung und der sehr beschränkten Anzahl an Charakteren wird man auf bewährte Weise von Story und Stil gefesselt. Etwas deplatziert finde ich den Titel der deutschsprachigen Ausgabe, der im Original schlicht “Blaze” lautet.
In der Hardcover-Fassung bekommt man neben einem ausführlichen Nachwort übrigens die Kurzgeschichte Memory frei Haus. Sie soll Grundlage für das neue Werk aus Kings Feder sein. Man darf gespannt sein.

Bewertung: 4 von 5 Sternchen · “Qual”, orig. “Blaze” von Stephen King als Richard Bachman · Gelesen im Oktober 2008 · Lesezeit: eine gute Woche · Quelle: geliehen von Vatern