Videoüberwachung: Circle 2 vs. Nest IQ

03.10.2018   ·   Hardware

Um unseren Garten und somit den Zugang zu drei Terrassentüren etwas abzusichern und auch nach dem Herunterlassen der Rollläden oder bei Abwesenheit mal schauen zu können, was da so vor sich geht, sollte eine Überwachungskamera her. Diese Systeme sind im Zuge der ganzen Smart-Home-Welle ja ziemlich populär und das Angebot immer umfangreicher geworden.

Die Anforderungen

Da die Kamera an oder neben dem Metall-Schuppen hängen soll, und dort zwar Strom aber kein Netzwerk anliegt, muss sie über WLAN kommunizieren. Wichtig ist neben einem akzeptablen Bild bei Tag und Nacht die Bewegungsmeldung: Windbewegungen, fahrende Rollläden oder der flatternde Sonnenschirm sollen aber ignoriert und Personen erkannt werden. Ich möchte via App auf das Livebild und die festgehaltenen Ereignisse zugreifen können und die Möglichkeit der Interaktion mit anderen Smarthome-Geräten (Amazon, Homekit) haben. Dass die Bilder zu Erfüllung der ganzen Wünsche in der Cloud landen müssen ist akzeptabel.

Auf dem Papier sollen sowohl die Circle 2 von Logitech als auch die Nest IQ meine Anforderungen erfüllen können, also habe ich beide ausprobiert:

Erstkontakt, Befestigung und Einrichtung

Die Kamera von Logitech gibt es in einer kabellosen und einer kabelgebundenen Version. Nur letztere macht meines Erachtens wirklich Sinn, denn wenn die Akku-Variante nicht erst viele Sekunden aus dem Standby erwachen soll und auf schnelle Reaktion gestellt ist, muss der Akku täglich geladen werden. Die Nest IQ ist hingegen explizit für den Außenbereich konzipiert und eine Innen-Variante separat erhältlich. Kabellos gibt es beide nicht.

Die Circle 2 ist deutlich kleiner und unauffälliger und wo die mit knapp 600 Gramm fast dreimal so schwere Nest IQ zwingend mit vier Schrauben an eine Wand gebracht werden muss und man lediglich bei der Kabelführung die Wahl zwischen der Durchführung durch die Wand oder die Einführung von unten hat, bietet Logitech für das leichte Gehäuse gleich mehrere Möglichkeiten der Befestigung. So gibt es Vorrichtungen, für die Steckdose, das Fenster und - das passt bei mir perfekt - einen starken Magneten. An meinem Metallschuppen ist die Circle 2 damit binnen Sekunden montiert und genießt einen weitgehend trockenen Platz unter dem Vordach. Das ist sinnvoll, da beide Kameras keinen Schirm oder ähnliches mitbringen und Regen oder Schnee das Bild daher trotz aller Wettertoleranz trüben können. Die Nest IQ musste die Testphase unter klarem Himmel und an einer leicht anderen Position verbringen, da ich keine Löcher im Schuppen haben wollte. Die Zertifizierung der Wetterfestigkeit ist bei Nest übrigens etwas besser (IP66) als bei Logitech (IP65). Ob jetzt gegen "Strahlwasser" oder "starkes Strahlwasser" geschützt - in der Praxis dürfte das keine Rolle spielen. Beide Kunststoffgehäuse machen einen wertigen und stabilen Eindruck.

Das Kabel der Circle 2 ist 3 Meter, das der Nest sogar 7,5 Meter lang. Durch das separat erhältliche wetterfeste Verlängerungsset lässt sich auch das Kabel der Circle 2 auf 7,5 Meter bringen. Beide Kabel sind dünn bzw. flach genug, um durch kleinere Öffnungen - in meinen Fall die Lüftungsschlitze des Schuppens - hindurchgeführt werden zu können. In der Steckdose befindet sich dann in beiden Fällen ein USB-Netzteil. Auch hier tritt Logitech kompakter auf: Das Netzteil der Nest IQ kann bei einer Doppelsteckdose gerne mal auch die andere Steckdose beeinträchtigen. Nur bei Nest gibt es ein Netzteil für den Außenbereich. Die mitgelieferten Innen-Netzteile sollten auch nur in Innenräumen verwendet werden.

Die Statusanzeigen an den Kameras lassen sich deaktivieren, so dass keine Lämpchen oder Ringe während der Aufnahme leuchten. Ist der Nachtsichtmodus aktiv, sind die IR-Dioden davon ungenommen sichtbar. Schade, dass keine unsichtbaren Dioden verbaut sind.

Ausrichten lassen sich beide Kameras durch Scharniere und Kugeln in verschiedenen Achsen. Für die Einrichtung und den Betrieb der Kameras ist in beiden Fällen die Installation der App und die Erstellung eines Nutzerkontos erforderlich. Der Prozess ist ähnlich und problemlos.

In beiden Fällen werden Dübel und Schrauben mitgeliefert. Nest legt auch noch Kabelclipse und weitere Schrauben bei, um den Kabelverlauf zu fixieren.

Bild-Leistung

Logitech gibt Full HD, Nest sogar 4K mit 8 Megapixel an. Klingt alles super, ist in der Realität aber halt ein Überwachungskamerabild in mäßiger Qualität. Vor dem Hintergrund der WLAN-Verbindung und der großen Datenmengen die in der Cloud landen, ist es aber akzeptabel und in der Praxis ausreichend. Die Nest IQ hat durch den besseren Sensor mehr Detailreserve beim Zoomen in das Bild und soll hierdurch eine bessere Bildanalyse in der Kamera realisieren. Sichtbar ist auch ein besserer Kontrastumfang, der sich etwa bemerkbar macht, wenn der eine Teil des Gartens in der vollen Sonne und der andere im Schatten liegt. Deutlich ist der geringere Erfassungswinkel von 130 Grad bei der Nest IQ. An manchen Installationsorten ist der Vorteil der 180 Grad der Circle 2 möglicherweise entscheidend.

Zum Vergleich hier ein 5-fach-Zoom-Bildausschnitt, der unser Spielhaus zeigt. Erst Nest IQ (8,5 Meter Entfernung), dann Circle 2 (6 Meter).

Anders als die Nest IQ, die permanent aufnimmt und somit einen lückenlosen Rückblick ermöglicht, erstellt die Circle 2 "nur" Clips bei Bewegungen. Bei kabellosen Kameras ist das zum schonen der Akkus nachvollziehbar, bei permanenter Stromversorgung etwas schade. Dieser architektonische Unterschied macht sich im Traffic bemerkbar. Bei der Nest IQ laufen, in Abhängigkeit der eingestellten Bildqualität aber unabhängig davon, ob etwas relevantes gesichtet wird, kontinuierlich 100 bis 400 GB pro Monat in Richtung Server. Bei mehreren Kameras oder bei besonderen Tarifstrukturen sollte das berücksichtigt werden.

Besonders wichtig ist es mir, auch bei Dämmerung oder in der Nacht etwas sehen zu können, ohne die Beleuchtung auf der Terrasse einzuschalten. Die Nachtsicht-Fähigkeit der Logitech ist hier schwächer als die der Nest. Bei letzterer sieht man im Dunkeln auch vier IR-Dioden leuchten - die Circle 2 muss mit einer auskommen.

Funktionsumfang

Die wichtigste Funktion ist für mich die Benachrichtigung, sollte sich jemand den Terrassentüren nähern. Beide Kameras versuchen dies durch Bildanalysen im Gerät oder in der Cloud zu erreichen und haben keinen externen PIR-Sensor. Auch lässt sich in beiden Fällen festlegen, ob alle Bewegungen oder nur Personen eine Meldung veranlassen. Hier gibt es Unterschiede zwischen den Kameras: Die Circle 2 verwechselt gerne den im Wind flatternden Sonnenschirm mit einer Person und behauptet andererseits, dass es sich um keinen Menschen handle, wenn es definitiv einer ist. Also müssen alle Bewegungsalarme eingestellt werden, möchte man nichts verpassen, was wiederum mit einigen Fehlalarmen einhergeht. Durch das Festlegen von Zonen, in denen Bewegungen ignoriert werden, lässt sich hier ein etwas besseres Ergebnis erzielen.

Die Nest IQ lässt sich durch Blätter, Vögel, Schatten und Wind etwas weniger irritieren und spricht in diesen Fällen häufig erst gar nicht an. Untransparent bleibt, warum man in der App Clips findet, auf denen Bewegung markiert ist, die Benachrichtigung aber ausbleibt. Die Personenerkennung der Nest IQ funktioniert ziemlich zuverlässig und nach einer Lernphase wird sogar eine Personenidentifizierung versucht - bekannte Personen lassen sich dann benennen und von der Alarmierung ausschließen. Zur Identifizierung muss man aber schon recht nah an die Kamera herantreten. Bei der Wiedergabe wird der Bildausschnitt auf eine Person geschwenkt und ihr Weg über den Sichtbereich verfolgt - das ist ganz nett. Auch bei Nest lassen sich Zonen definieren - hier sogar in der App, während es bei Logitech umständlicherweise nur im Webinterface möglich ist.

Beide Systeme ermöglichen die bidirektionale Tonübertragung. Eine richtige Unterhaltung kann aufgrund der zeitlichen Verzögerung aber nicht wirklich zustande kommen. Der Ton aus der Nest IQ klingt besser und sie nimmt ihn besser auf. Außerdem können hier, anders als bei Logitech, auch Geräusche eine Meldung veranlassen - aber wer möchte schon über jedes Hundegebell informiert werden.

App und Webinterface

Sowohl Logitech als auch Nest stellen einerseits Apps und andrerseits Webinterfaces zur Verfügung, um das Livebild oder die Timeline der Ereignisse durchsehen und Einstellungen vornehmen zu können. Während Nest Apps für iPhone und iPad bietet, geht das Tablet bei Logitech leider leer aus. Allerdings ist die App von Logitech übersichtlicher, intuitiver und bietet als Alleinstellungsmerkmal eine nette Tageszusammenfassung als Zeitraffer. Schnappschüsse erstellt man bei Logitech auf Knopfdruck und es gibt auch kein Wasserzeichen im Bild - Nest brennt seinen Schriftzug in jedes Video.

Verwirrend ist, dass nicht alle Funktionen mit den Apps bedient werden können: Während bei Logitech nur im Web Zonen definiert werden können, muss man sich auf der Webseite von Nest einloggen, um Clips, die länger als 2,5 Minuten sind oder Zeitraffer zu erstellen. Das geht dort aber dann auch mehr schlecht als recht. Dafür kann nur Nest auch eMails verschicken.
Leider fehlt beiden Systemen die Möglichkeit festzulegen, in welchen Zeitfenstern Bewegungen gemeldet werden sollen. So könnte man den Nachmittag, wenn Kinder im Garten toben einfach grundsätzlich stumm schalten. Bei Nest kann man zwar einen Zeitplan festlegen, dann ist die Kamera aber ganz aus und zeichnet gar nicht auf.

Bei beiden Systemen kann der Handystandort genutzt werden: Ist man zuhause, bekommt man bei Bedarf keine Benachrichtigungen (Nest und Logitech) oder die Kamera bleibt gleich ganz aus (nur Nest). Das macht bei mir keinen Sinn, da ich abends ja auch über Vorgänge informiert werden möchte, obwohl ich zuhause bin.

Cloud

Möchte man die Circle 2 ohne laufende Kosten betrieben und auf ein Abo verzichten, so hat man Zugriff auf das Bildmaterial der letzten 24 Stunden. Alternativ gibt es ein kleines Abo der Circle Safe genannten Cloud für 4 Euro im Monat, welches die Daten von zwei Wochen vorhält, und ein großes für 10 Euro, mit dem man einen Monat zurückspulen kann. Letzteres kann auch gleich für ein Jahr abgeschlossen werden, wodurch man zwei Monate geschenkt bekommt. Wer jetzt meint, dass ihm die 24 Stunden in der Cloud reichen muss aber wissen, dass nur das teuerste Abo-Paket auch die Personenerkennung und Bewegungszonen ermöglicht. Da beides erforderlich ist, wenn man nicht von Fehlalarmen genervt werden möchte, sind die 100 Euro im Jahr nahezu obligatorisch. Wer weitere Kameras nutzen möchte, legt nochmal 80 Euro pro Jahr drauf und kann dann bis zu fünf Circle 2 verwenden.

Auch bei Nest versucht man die Abos an den Mann zu bringen, indem man den Funktionsumfang (Gesichtserkennung und Bewegungszonen) ohne die regelmäßigen Zahlungen einschränkt. Es stehen ohne Abo auch nur lächerliche drei Stunden Bildmaterial zur Verfügung. Allerdings unterscheiden sich die drei Verfügbaren Pakete für 5, 10 oder 30 Euro pro Monat (bzw. 50, 100 oder 300 Euro im Jahr) dann lediglich in der Anzahl der vorgehaltenen Tage - nämlich 5, 10 oder 30 Tage. Nutzt man mehrere Kameras wird es hier jedoch teurer, da man nur 50% Rabatt auf jede weitere bekommt.

Sowohl Nest als auch Logitech beteuern, dass die Datenübertragung verschlüsselt stattfindet und kein Mitarbeiter Zugriff auf das Material habe. Logitech erlaubt nur einen 2-Wochen Test aller Cloud-Funktionen, Nest bittet nach einem Monat zur Kasse.

Mit Skills für Amazons Alexa kann das Bild auf den FireTV oder Echo Spot gebracht werden. Bei Logitech lässt sich die Kamera auch per Sprachbefehl aus- und einschalten. Hierfür lässt sich alternativ auch der separat erhältliche Schalter "POP" nutzen. Mit Apples Homekit versteht sich nur die Circle 2, mit dem Google Assistant sind beide Systeme befreundet. Um beispielsweise den Familienmitgliedern Zugriff auf die Bilder zu ermöglichen, können bei Nest weitere Accounts verknüpft und mit unterschiedlichen Rechten versehen werden. Zudem besteht die Möglichkeit, die Live-Ansicht per Link passwortgeschützt oder öffentlich zu teilen. Das konnte ich nicht testen, da der der Browser Flash (!) unterstützen muss. Bei Logitech müssen sich für diesen Anwendungsfall die Zugangsdaten geteilt werden, wodurch quasi auch jeder gleich Administrator ist. Das ist schwach. Die Einrichtung als öffentlichen Webcam ist nicht vorgesehen.

Beide Systeme sind naturgemäß recht verschlossen, so lassen sich keine Bilder auf FTP-Server laden oder Speicherkarten nutzen. Sind WLAN, ISP oder Cloud nicht erreichbar oder die Stromversorgung unterbrochen, gibt es keine Überwachung - eine richtige Alarmanlage kann und soll so eine Kamera nicht ersetzen.

Jeweilige Vorteile im Überblick

Circle 2

Hardware

  • klein, leicht und unauffällig
  • flexibel Befestigung
  • großer Erfassungswinkel
  • Preis

Software

  • Tageszusammenfassung
  • Schnappschüsse
  • kein Wasserzeichen
  • Ein- und Ausschalten mit Alexa
  • Homekit-Integration

Nest IQ

Hardware

  • besseres Bild
  • gute Nachtsicht
  • Ton

Software

  • lückenlose Aufzeichnung
  • kaum Fehlalarme
  • Personenerkennung
  • iPad-Unterstützung
  • Benachrichtigung per Mail

Fazit

Würde man beide Systeme vermengen können, man hätte die perfekte Lösung.
Logitech hat die in der Anschaffung günstigere Kamera im Programm, die kleiner und unauffälliger ist. Sie punktet zudem was die Vielfalt des Zubehörs zur Befestigung angeht und hat den größten Erfassungswinkel. Ich kann sie bei mir somit prima an den Metallschuppen hängen und habe den kompletten Garten im Blick.
Dennoch ist mir das besesere Bild, vor allem in der Dunkelheit, wichtiger - auch wenn ich dann eine kleine Fläche nicht überblicken kann.

Von Update zu Update wird sich noch einiges tun, so kann ich mir gut vorstellen, dass auch Nest eine Homekit-Option hinzufügen und vielleicht den Amazon-Skill erweitern wird. Die Software-Nachteile der Nest wiegen daher für mich nicht so stark.

Ja, der Anschaffungspreis ist bei Nest fast dreimal so hoch. Da ich alle Funktionen, bei denen die Cloud erforderlich ist nutzen möchte, mir aber ein Rückblick auf 5 Tage reicht, habe ich hingegen bei Nest (50 Euro pro Jahr) die geringeren laufenden Kosten als bei Logitech (100 Euro pro Jahr). Nach vier Jahren Nutzung wären beide Modelle somit gleichauf. Mal schauen, ob ich so lange mit der gewählten Lösung glücklich bin.

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